Das Gejammer der Bewahrer

von Mirco Larsen und Oliver Beuthien

Kennen Sie den Begriff „Romanleserey“? Das war im 18. Jahrhundert die Bezeichnung für eine „Krankheit“ oder eine Warnung, nicht zu viel in Büchern zu lesen. Die Jugend würde durchs Lesen Gefahr laufen, zu sehr in Fantasiewelten abzugleiten und den Bezug zur Realität zu verlieren.

Ende der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts hieß es auf Plakaten:

„Achtung! Gefahren des Tonfilms! Viele Kinos müssen wegen Einführung des Tonfilms und Mangel an vielseitigem Programm schließen!“

Wann immer etwas Gewohntes und Gelerntes große Veränderungen erfährt, kommt es zu Widerstand. Es ist erstaunlich, dass wir Menschen es bis heute nicht gelernt und verstanden haben, dass gerade die Dinge, die die größte Abwehr in uns mobilisieren, die Dinge sind, in die wir reinspringen müssen. Dieser Abwehrreflex lässt sich herrlich weiter belegen. Ob Mobiltelefone, das Internet oder Mobilität. Ganz aktuell beruhigte auch RTL-Dinosaurier Helmut Thoma die Bewahrer: „Streaming wird scheitern“! Ein Glück, da sind wir ja beruhigt. Es bleibt alles, wie es ist.

Es ist auch manchmal schwierig in diesen Zeiten, ein wirklich sicheres Gefühl dafür zu entwickeln, was um uns herum wirklich passiert. Klar ist nur, dass es passiert und dass die Impulse und Visionen, die den größten Widerstand in uns auslösen, vermutlich die sind, die ganz groß werden.

Das wurde uns beiden letzte Woche selbst noch einmal bewusst, als wir in Hamburg auf unsere erste MOIA-Fahrt gewartet haben. Wir erinnerten uns, wie begeistert wir vor vier Jahren den Dienst UBER nutzten und wie sehr sich die Taxi-Verbände dagegen wehrten. Mit Erfolg. Der Dienst wurde eingestellt. Vier Jahre später warten wir also auf ein MOIA und die Taxi-Verbände klagen wieder. Wie vermutet gehen die Taxler mit denselben Argumenten wie vor vier Jahren an den Start. Im Grunde genommen ein großes Mimimi: „Wir waren schon immer da“, „Das Gesetz schreibt vor …“ und – schon etwas schlauer – „Wie sollen die Fahrer denn jemals vernünftig bezahlt werden, wenn die Anzahl der Fahrzeuge nicht mehr reguliert wird?“. Berufsfachkunde wird auch gerne angeführt. Aber wann ich das letzte Mal in einem Taxi saß, das ohne Hilfe des Navis oder ständiges Nachfragen nach dem Weg in meine Straße in der Hamburger Innenstadt gekommen ist, weiß ich nicht mehr.

Kopf in den Sand – das geht schon wieder vorbei.

Guckt man noch mal ein paar Jahre zurück, machten die Taxis auch schon gegen Car-Sharing-Angebote mobil – ebenfalls mit ähnlichen Argumenten. Ja, sie haben auch dafür gesorgt, dass ein paar Anbieter gar keinen Fuß auf den Boden bekommen haben, aber das ändert alles nichts an der Tatsache, dass sich unsere Welt und damit auch die Mobilität transformiert. Das Verhalten der Taxiunternehmen ist dabei stellvertretend für fast alle alteingesessenen Branchen und Unternehmen: Kopf in den Sand – das geht schon wieder vorbei. Tut es aber nicht.

Seit 2011 gibt es Car-Sharing [T1] in Deutschland, da hätte man doch hellhörig werden müssen und die Taxiverbände hatten doch alle Chancen der Welt. Super vernetzt, eine Lobby und einen guten Namen. Warum hat sich dort niemand hingesetzt und überlegt, wie man dieses Geschäftsmodell revolutioniert bzw. digitalisiert? Eine App alleine macht keine Digitalisierung, die richtige Frage wäre vor allem auch gewesen: Welcher Typ Mensch ist künftig auf Mobilität angewiesen und welche Bedürfnisse hat er?

Neben dem Widerstand gegenüber Veränderungen ist es auch das Misstrauen gegenüber den kommenden Generationen, das den Fortschritt lähmt. Der Name Greta Thunberg triggert selbst gestandene Intellektuelle zurück zu kleinkindhaftem Flegelverhalten. Man muss sich im Grunde schämen. Da rückt etwas ins Bewusstsein einer kommenden Generation und wir lachen sie dafür aus. Mit welcher Häme die Fotos von Müllbergen kommentiert werden, die bei den Fridays-for-Future-Demos übrigbleiben, ist einfach nur lächerlich. Noch peinlicher wird es, wenn herauskommt, dass die Bilder nicht mal bei diesen Demos entstanden sind. Hey, unsere Kinder haben sich entschieden, Verantwortung zu übernehmen! Sind es nicht wir, die ihnen jetzt zeigen müssen, wie man Verantwortung auch trägt und lebt, anstatt sie auszulachen?

Hier schließt sich er Kreis. Wie sollen Unternehmen in die Zukunft finden, wenn sie Neuem nicht vertrauen und die kommenden Kunden und Mitarbeiter nicht ernst nehmen?

Eigentlich wollten wir ja über Mode und Retail sprechen, aber im Grunde ist mit dem Blick auf die Taxibranche für heute alles darüber gesagt.


Oliver Beuthien (rechts) und Mirco Larsen (Geschäftsführer MAMA Werbeagentur) denken, arbeiten und diskutieren leidenschaftlich gern über nachhaltige Marken – und Unternehmensführung, Changemanagment und Leadership.  Oliver Beuthien arbeitet erfolgreich als CEO und Managing Director für Unternehmen wie P&C West, Theo Wormland und Engelhorn in Mannheim.

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